Werben l Es mag verwirren. Der Stadtrat Werben will ein Romanisches Haus „gotisch sanieren“. Tatsächlich würde er dadurch aber mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen. Denn die gotische Sanierungsvariante „konserviert“ gleichzeitig den romanischen Endzustand mit am besten. Das trug am Dienstagabend Architekt Wolfram Bleis dem Werbener Stadtrat vor – und erntete, wenn die Ratsmitglieder auch lange auf diesen Vortrag warteten, tischklopfende Zustimmung dafür.

Gotische Sanierung bedeutet nach außen sichtbar vor allem, dass die gotischen Giebel, die derzeit über das Dach hinausragen, wieder mit einem neuen Dach abschließen. Dafür muss das jetzige Dach samt Dachstuhl zunächst komplett abgetragen werden. Das wäre bei der romanischen Sanierungsvariante oder bei Variante eins, die den jetzigen Ist-Stand sichern würde, auch der Fall. Auch da würden die Balken etc... begutachtet und entweder für die weitere Verwendung behandelt oder als nicht mehr brauchbar eingestuft – der Unterschied liegt im Wiederaufbau.

Ein neuer über dem alten Dachstuhl

Bei der gotischen Sanierungsvariante wird der jetzige Dachstuhl wieder aufgebaut und dann ein neuer Dachstuhl samt Eindeckung darübergesetzt, sodass die Giebel mit dem Dach abschließen. Der alte Dachstuhl mit all seinen Befunden könnte dadurch „gut verpackt“ erhalten bleiben.

Durch diese Sanierungsvarianten würden, so erklärte Bleis den Stadtratsmitgliedern, am meisten Befunde sichergestellt. Spuren also, die bestimmte Rückschlüsse zur Bauhistorie und Nutzung des Gebäudes zulassen. Darüber hinaus würde damit ein häufig leidliches Thema – die Frage nach einer Dachrinne – gleich elegant gelöst. Das gotische Dach hätte an der Traufe einen Überstand von 50 bis 70 Zentimetern, „dann ließe sich auf eine Dachrinne verzichten“. Teilen des Stadtrates war es wichtig, dass der Beschluss keine definitive Festlegung ist, sondern eher die Festlegung einer Präferenz, da bisher das Landesdenkmalamt nicht involviert war. Mit dieser Präferenz geht Architekt Carsten Sußmann, der auf der Sitzung auch anwesend war, nun zur Denkmalpflege, um zu sondieren, ob die Variante grundsätzlich befürwortet wird, wobei Architekt Bleis da zuversichtlich ist – weil so viele Befunde gesichert werden.

Der Stadtrat ist auch weiter gekommen, was die spätere Nutzung des Romanischen Hauses betrifft. Er fasste einen Protokollbeschluss darüber, dass quasi unverzüglich alle Anstrengungen unternommen werden, um einen wissenschaftlichen Beirat zu gründen. Das war so eigentlich nicht angedacht, sei aber nach jetzigen Erkenntnissen eigentlich gar nicht anders machbar, sagte Bürgermeister Jochen Hufschmidt. Für die Provinzial-Sächsische Genossenschaft des Johanniterordens allein sei das Romanische Haus „eine Nummer zu groß“, weitere Ebenen des Johanniterordens müssten mit einbezogen werden, nicht zuletzt auch, weil die versprochene finanzielle Unterstützung nicht allein von der Provinzial-Sächsische Genossenschaft kommt. Darüberhinaus müssten das Land und die Obere Denkmalbehörde mit ins Boot geholt werden.

Gebäude ist „von nationaler Bedeutung"

Wie bedeutend der laut Hufschmidt mindestens sachsen-anhaltweit älteste Profanbau ist, habe sich erst nach und nach gezeigt. Der Johanniterorden habe aus der besagten Zeit keine „weiteren baulichen Hinterlassenschaften“, die seine Tätigkeit belegen. Unterm Strich spricht der Bürgermeister von einer „nationalen Bedeutung“ des Gebäudes. Es soll kein Museum daraus werden, eher ein Gebäude, das zugänglich ist und sowohl Aufschlüsse über die Ordensgeschichte der Johanniter gibt als auch Einblicke in eine ganz besondere Bauhistorie.

Archäologische Lehrgrabung avisiert

Inwieweit das angrenzende Gelände abgesenkt, das Romanische Haus also weiter freigelegt wird, muss noch entschieden werden. Auf jeden Fall seien archäologische Grabungen durchzuführen. Jochen Hufschmidt machte ob der großen Bedeutung des Gebäudes und auch aus Kostengründen den Vorschlag, dem Land das Objekt für eine Lehrgrabung vorzuschlagen. Wolfram Bleis vermutet mindestens zwei Brunnen in unmittelbarer Umgebung des Gebäudes. „Das sind ja immer Schatzkisten für Archäologen.“

Zunächst aber, damit durch die Witterung nicht unaufhörlich weitere Befunde verloren gehen, muss das Dach in Angriff genommen werden. 100000 Euro aus dem Topf Städtebaumittel hängen für Sanierungsmaßnahmen am Romanischen Haus schon länger in der Warteschleife. Es zeichnet sich ab, dass sie nicht reichen werden.